Ödipus und Antigone am Gorki Theater Berlin

Regisseur Ersan Mondtag gräbt den antiken Stoff von Ödipus und Antigone aus und setzt diesen zu seiner Interpretation am Gorki Theater zusammen.

Das Gorki Theater Berlin: Versetzt den Besucher in die Stummfilmzeit

Slapstick der Antike – das zumindest soll eine Freundin und mich laut den Aussagen von Bekannten im Maxim-Gorki-Theater erwarten, wenn wir uns das antike Stück „Ödipus und Antigone“ ansehen. Und ich bin geneigt, ihnen Recht zu geben, als ich die Söhne des Ödipus, Polyneikes und Eteokles, in Kothurnen (halsbrecherisch hohe Wadenstiefel, die in der Antike zum Jagen getragen wurden) auf die feuerrote Bühne treten sehe.

Alt sehen sie aus, ganz nach der Philosophie der Maskenbilder, die die antiken Helden und Antihelden realistisch darstellen wollen. Sie sehen fast so aus wie Greise – weiße Haare, runzelige Gesichter und unsichere Gänge lassen sie irgendwie nicht recht zu einem antiken Drama passen – eher zu einem Horrorfilm. Im ersten Drittel des Stücks ziehen sie thematisch vorbei an dem bloßen Brüderkampf bis hin zum aktuellen Nahost-Konflikt, um anschließend bei der Frage nach der „deutschen Schuld“ zu landen.

Sie prophezeien beinahe apokalyptisch: „Wir sind nur einen Schritt entfernt vom Dritten Weltkrieg.“ Dazu passen die vielen Blitze, Donner und Gewehrschüsse, die den ganzen Abend über hörbar sind. Erfrischend ist dagegen der Schauspieler Benny Claessens – wieder in Berlin zurück -, der den Ödipus eine Spur zu unperfekt spielt und mit dieser Darstellung punkten kann. Wie ein zu groß geratenes Kind sieht er aus, der optisch ein Zwillingsbruder von Prinz Eisenherz sein könnte. Grundsätzlich liefern die Darsteller hier erstklassige Leistungen ab. Der Horrortrip einer ganzen Familie ist für mich als Zuschauerin zum Greifen nah, untermalt durch die passende Musik von Beni Brachtel.

Alternatives Ende von Ödipus und Antigone am Gorki Theater Berlin

Die Inszenierung von Regisseur Ersan Mondtag ist auf viele Arten erfrischend anders, behaftet sie doch den antiken Stoff mit einem gänzlich anderen Ende – anders als in der Vorlage stirbt Antigone nicht durch ihren furchtbaren Tabubruch, sondern gelangt zu grenzenloser Macht. Zunächst fürchten sie alle, später wird sie vergöttert. „Eine herrliche Anspielung auf die Diktatoren der modernen Zeit, die uns an jeder Ecke über den Weg laufen können und auf ihre Chance warten, die Macht an sich zu reißen“, wispert meine Freundin Carina mir zu.

Interessant ist dabei, dass wir Antigone im gesamten Stück nicht zu Gesicht bekommen. Sie bleibt ein Phantom, existiert lediglich als feste Größe in unseren Gedanken und macht das ganze Stück dadurch noch spannender. Das Ende des Ödipus ist für meinen Geschmack allerdings zu skurril, als er nach Hause telefoniert und mit seiner Mutter flämisch spricht. Insgesamt betrachtet wird die bürgerliche Drohkulisse wiederum währen des gesamten Stücks deutlich greifbar – atmosphärisch wie inhaltlich. Das kunstvolle Jonglieren mit der griechischen Antike ist geglückt – für meinen Geschmack allerdings nur innerhalb der Theaterwände.

Carina möchte selbstverständlich wissen, wie mir das Stück gefallen hat, als wir den Saal verlassen. „Das Regiekonzept ist mir irgendwie verborgen geblieben. Das Stück erscheint mir wie eine seltsame Komposition aus „Golden Girls“ und „The Walking Dead“, angereichert mit politischer Satire. Mir haben die Inhalte gefehlt, vieles war recht blutleer in Szene gesetzt.“ „Ja, das denke ich auch. Stilistisch hat die Aufführung durchaus ihren Glanz, kratzt inhaltlich wiederum nur an der Oberfläche.“ Sehenswert ist das Stück dennoch – sofern man kurzweiliger Unterhaltung der Antike mit greisigen Zombies offen gegenübersteht.


BIldnachweis:©Titelbild: Wikimedia Commons

 

Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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