Spandauer Vorstadt: Historisches Arbeiter- und Judenviertel im Porträt

Die Spandauer Vorstadt ist ein quirliges Viertel: Hier ist Berlin „szenig“, hier sind die Läden, Galerien und Cafés jung, schick und kreativ. Die Gegend nördlich des Alexanderplatzes, rund um die Oranienburger-, Tor- und Karl-Liebknecht-Straße, Stadtbahn, Spree und Friedrichstraße ist zudem eines der ältesten erhaltenen Berliner Stadtteile und hat viel Historisches zu bieten.

Das „Scheunenviertel“ in der Spandauer Vorstadt

Historie pur bieten zum Beispiel die Hackeschen Höfe, heute ein historisches Gebäudeensemble aus insgesamt acht zusammenhängenden Gebäuden und Innenhöfen. Hier findet sich eine spannende Mischung aus Geschäften, Kultur und Nachtleben.

Ende des 17. Jahrhunderts lag das Gebiet aber noch außerhalb der Stadtmauern Berlins und es gab zahlreiche Scheunen zur Lagerung von Stroh und Heu. Damals war es aufgrund der Brandgefahr verboten, dieses innerhalb der Stadtmauern zu lagern. So erklärt sich, warum die Spandauer Vorstadt auch gerne als das „Scheunenviertel“ bezeichnet wird.

 

So erklärt sich, warum die Spandauer Vorstadt auch gerne als das „Scheunenviertel“ bezeichnet wird. (#01)

So erklärt sich, warum die Spandauer Vorstadt auch gerne als das „Scheunenviertel“ bezeichnet wird. (#01)

Die Spandauer Vorstadt und „Wie alles begann …“

Um 1700 gab es in der Spandauer Vorstadt bereits an die 500 Wohnhäuser, doch war nicht alles eitel Sonnenschein – die Pest wütete immer wieder und 1710 wurde in der nordwestlichsten Ecke der Spandauer Vorstadt ein Pesthaus gebaut. Aus diesem ging später die Charité hervor. 1712 stiftete Königin Sophie Luise, die dritte Gemahlin Friedrichs I., eine Pfarrkirche, die heutige Sophienkirche in der Großen Hamburger Straße.

Aus dem Spandauer Heerweg, einer alten Landstraße vor dem später errichteten Schloss Monbijou, wurde zu dieser Zeit die Oranienburger Straße, die noch dazu als repräsentative Allee ausgebaut wurde.

 

1710 wurde in der nordwestlichsten Ecke der Spandauer Vorstadt ein Pesthaus gebaut. Aus diesem ging später die Charité hervor. (#02)

1710 wurde in der nordwestlichsten Ecke der Spandauer Vorstadt ein Pesthaus gebaut. Aus diesem ging später die Charité hervor. (#02)

Hackesche Höfe und Hackescher Markt

Doch zurück zu den Hackeschen Höfen: Da sich vor den Toren Berlins viele Menschen angesiedelt hatten, ließ der preußische König Friedrich Wilhelm I. 1731 die Stadtmauer erweitern, sodass die Spandauer Vorstadt ein Teil Berlins wurde.
In den Folgejahren etablierte der Stadtkommandant Hans Christoph Graf von Hacke auf dem ursprünglichen Sumpfland den schnell florierenden Hackeschen Markt. Viele jüdische und französische Einwanderer kamen, um dort ihr Glück zu suchen und Geschäfte zu treiben. Neben einer Synagoge entstand damals auch der jüdische Friedhof in der Großen Hamburger Straße.

Der „Hinterhof Berlins“ sprich Spandauer Vorstadt

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Spandauer Vorstadt zu einem Wohnquartier für Arbeiter und Tagelöhner. Hier lebten die Ärmsten der Armen, hier war der „Hinterhof Berlins“, den Alfred Döblin sehr eindrucksvoll in seinem „Berlin Alexanderplatz“ beschreibt.

In den 1920er Jahren wurde das Scheunenviertel auch Zentrum jüdischen Lebens und Glaubens. Viele Örtlichkeiten und auch die „Stolpersteine“ erinnern noch heute daran.

Viele historische Bauwerke

Geschichte überall: Im heutigen Scheunenviertel gibt es noch viele historische Bauwerke und Orte zu sehen: So die Jüdische Synagoge von 1866 in der Oranienburger Straße, das Postfuhramt (erbaut von Carl Schwatlo an der Ecke Tucholskystraße) und das Haupttelegrafenamt.

1890 wohnten in der Spandauer Vorstadt bereits 78.953 Einwohner, allerdings wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Flächensanierung durchgeführt und ein großer Teil des alten Scheunenviertels abgerissen.

Vergleichsweise wenig Schäden richtete der Zweite Weltkrieg in der Spandauer Vorstadt an. Einige bedeutende historische Bauten wie das Schloss Monbijou wurden zwar zerstört und später abgerissen, ebenso 1972 der Domkandidatenstift von August Stüler. Allerdings wurde die Altbausubstanz über die Jahre kaum instandgehalten, Leerstand und Verfall waren die Folge.

Aufschwung nach der Wende in der Spandauer Vorstadt

Mit der Wende und der Zeit nach 1989 veränderte sich das Viertel: Die alte Ruine des Wertheim-Kaufhauses wurde zum „Tacheles-Kulturzentrum“. Von Hausbesetzern der umliegenden Straßen entstanden in den vielen leer stehenden Läden Szenekneipen. Das Tacheles wurde im September 2012 nach mehreren Diskussionsrunden, Ausschreibungen und Demonstrationen geräumt und gehört inzwischen einem amerikanischen Investor, wobei unklar ist, was weiter damit geschehen soll.

 

Die alte Ruine des Wertheim-Kaufhauses wurde zum „Tacheles-Kulturzentrum“. Von Hausbesetzern der umliegenden Straßen entstanden in den vielen leer stehenden Läden Szenekneipen in der Spandauer Vorstadt. (#03)

Die alte Ruine des Wertheim-Kaufhauses wurde zum „Tacheles-Kulturzentrum“. Von Hausbesetzern der umliegenden Straßen entstanden in den vielen leer stehenden Läden Szenekneipen in der Spandauer Vorstadt. (#03)

Sophienstraße

Die Sophienstraße gilt als eines der DDR-Vorzeige-Rekonstruktions-Projekte aus den 1980er Jahren. Angelegt schon 1712 mit erkennbar barocken Ursprung, ist aber vor allem das gegen 1840 entstandene Gebäude Sophienstraße 18 relevant, über eine terrakottageschmückte Durchfahrt gelangt man zu den Sophiensälen, damals Schauplatz der Arbeiterbewegung und heute noch ein Theater mit inspirierendem Veranstaltungsprogramm.

Heute hippe Wohngegend & viele Neubauten

Das Gebiet der Spandauer Vorstadt gilt heute als der am besten erhaltene historische Stadtteil Berlins und ist als Bauensemble denkmalgeschützt. Ein großer Teil der Bebauung ist renoviert und die Gegend ist inzwischen fest in der Hand von Touristen und Business. Rund um die Große Hamburger Straße, Auguststraße, Linienstraße und Tucholskystraße finden sich heute zahlreiche Galerien, Cafés und trendige Geschäfte. Insbesondere rund um den Hackeschen Markt etablierte sich eine schicke Wohngegend inmitten von Büros von Kreativen, Werbeagenturen, Architekten sowie Galerien und extravaganten Geschäften.

Auf den Spuren jüdischen Lebens: Neue Synagoge

Die Kuppel der Neuen Synagoge ist das Wahreichen des Quartiers, auf fast allen Fotos zur Spandauer Vorstadt zu sehen. Das in orientalisierender Bauweise von Eduard Knoblauch und Friedrich August Stüler errichtete Bauwerk wurde 1866 eingeweiht.

Die Kuppel der Neuen Synagoge ist das Wahreichen des Quartiers, auf fast allen Fotos zur Spandauer Vorstadt zu sehen. (#04)

Die Kuppel der Neuen Synagoge ist das Wahreichen des Quartiers, auf fast allen Fotos zur Spandauer Vorstadt zu sehen. (#04)

Stolpersteine & Häuserlücke als Kunstwerk

In der Spandauer Vorstadt erinnern einige der weltweit insgesamt über 22 000 „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig an die im Nationalsozialismus vertriebenen und ermordeten jüdischen Bewohner des Viertels. Außerdem wurden in einer durch einen Bombenangriff entstandenen Häuserlücke Tafeln des französischen Künstlers Christian Boltanski mit Namen und Daten der ehemaligen Bewohner des Gebäudes angebracht. So lassen sich die vielen Geschichten in Erinnerung behalten.

Berolina Apotheke

An der Ecke zur Rosenthaler Straße findet sich die Berolina-Apotheke mit einer einzigartig erhaltenen Einrichtung von 1886. Wenn man der Rosenthaler Straße weiter folgt, lohnt sich außerdem ein Blick in den Hof der Nummer 39, wo ein Museum an die Rettung von zur NS-Zeit Verfolgten in der ehemaligen Blindenwerkstatt Otto Weidt erinnert.

Die Spandauer Vorstadt mit einem Jüdisches Gymnasium

In der Großen Hamburger Straße 27 wurde 1993 das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn wiedereröffnet. Es bestand dort seit 1862, diente im Zweiten Weltkrieg dann aber als Deportationslager für Berliner Juden. Von 1960 bis 1992 war im Gebäude die Kommunale Berufsschule „Professor Richard Fuchs“ untergebracht. Auf dem nächsten freien Grundstück erinnert eine Gedenktafel an das verschwundene erste Jüdische Altersheim.

Jüdischer Friedhof

Ebenfalls in der Großen Hamburger Straße ist der Alte Jüdische Friedhof zu finden. Er gilt als der älteste sicher belegte Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Das bekannteste Grab des Friedhofs ist das des Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786), einer der Vorkämpfer der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Sein Grabstein ist übrigens der einzige noch auf dem Friedhof verbliebene.

Der Monbijou-Park

Eine schöne Grünfläche im Viertel ist der Monbijou-Park . Hier stand bis 1959 das Schloss Monbijou. Es wurde im Krieg beschädigt und ähnlich wie das Berliner Stadtschloss mehr aus politischen Gründen abgetragen. Für die Renovierung von Adelspalästen war zu DDR-Zeiten kein Geld vorgesehen. 2006 und 2007 wurde der Park vom Lützow 7 aus Berlin für 3,3 Millionen Euro neu gestaltet sowie eine bis zu neun Meter breite Uferpromenade hergestellt. Außerdem gibt es einen Rodelberg für den Winter und einen ausgewiesenen Grillplatz. Die ebenfalls 2006 wieder aufgebaute Monbijoubrücke verbindet den Park mit der gegenüberliegenden Museumsinsel und dem Bode-Museum.

 2006 und 2007 wurde der Park vom Lützow 7 aus Berlin für 3,3 Millionen Euro neu gestaltet sowie eine bis zu neun Meter breite Uferpromenade hergestellt. (#05)

2006 und 2007 wurde der Park vom Lützow 7 aus Berlin für 3,3 Millionen Euro neu gestaltet sowie eine bis zu neun Meter breite Uferpromenade hergestellt. (#05)

In der Oranienburger Straße spukt es

Dass die Oranienburger Straße 39/40 als „Gespenstermauer“ bezeichnet wird, wissen nur wenige. Eine Legende, die wohl in einer Zeit vor der Wende ihren Ursprung hat. Hier sollen zeitweise die Geister zweier Kinder auf der Straße erscheinen. Diese wollen aber nichts Schlechtes. Sie sollen einem sogar für ein paar Pfennige (heute natürlich Cents) einen uneigennützigen oder besonders bescheidenen Wunsch erfüllen. Im Eine Reihe von Münzen steckt daher im Mörtel der Mauer westlich der benachbarten Bar.

 

Weitere Sehenswürdigkeiten

• Alter Garnisonfriedhof
• Berliner DDR-Motorrad-Museum
• Anne Frank-Zentrum
• Karl-Liebknecht-Haus
• Friedrichstadt-Palast
• Königliches Leihamt
• Clärchens Ballhaus
• Kunst-Werke Berlin


Bildnachweis:© Shutterstock – Titelbild: Radiokafka – #01: Alfred Sonsalla – #02: 360b – #03: Luciano Mortula – LGM  – #04: Sergey Kohl – #05: Alfred Sonsalla

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Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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