„Oyunlar“

„Oyunlar“ klingt beim ersten Mal Hören noch etwas mystisch. „Oyunlar“ sind etwas für uns alle sehr bekanntes, wenngleich der Klang des Namens recht fremd klingt. „Oyunlar“ sind nichts anderes als Spiele. „Oyunlar“ ist das türkische Wort dafür. Doch warum sprechen wir darüber?

Oyunlar: ein Phänomen des Internets?

Das ist in der Tat eine sehr gute Frage. Googelt man nach dem Begriff „Oyunlar“, dann eröffnet Google eine Welt der Online-Games. Wer jetzt Spielhöllen und Black-Jack-Tempel erwartet, der liegt völlig fehl. Die Webseiten, derer man dann gewahr wird, adressieren sich an Kinder. „Oyunlar“ sind Spiele für Kinder. Vom Klassiker der Pac-Man-Reihe bis zu den Games, die wir auch von unseren Kindern und Enkeln kennen, wenn diese vor dem PC oder Tablet kleben.

Ein paar Beispiele gefällig?

Cocuk Oyunlari, Bedava Oyunlar

Spiele für die Kleinen, kostenlose Spiele. So werben die Webseiten. Während Eltern früher noch klassische Spiele mit ihren Kindern spielten, haben PC, Tablet und Smartphone den Eltern mittlerweile den Rang abgelaufen. Natürlich freuen Kinder sich über Zuwendung seitens der Eltern und Großeltern. Doch wenn die Kleinen vor dem Bildschirm sitzen, ist bereits alles zu spät. Und: Sprache entwickelt sich nicht beim stummen Hocken vor dem Elektrogerät. Sprache wird noch immer von Eltern an die Kinder weitergegeben.

Zwischen 30 und 60 Minuten vor dem Bildschirm ist die maximale Zeit, die für Kinder empfohlen wird. Unbeaufsichtigt können daraus schnell mehrere Stunden werden. Auffallend auch: Die Seiten, die sich zum Suchbegriff „Oyunlar“ zeigen, adressieren sich an türkisch sprechende Nutzer. Ein gemeinsames (nicht digitales) Spiel türkisch sprechender und deutsch sprechender Kinder am Tisch oder draußen auf dem Spielplatz würde im Gegensatz zu den „Oyunlar“ nicht nur die Kommunikationsfähigkeiten trainieren helfen, sondern bei den Kindern auch die Kenntnisse der deutschen Sprache ausbauen.

„Oyunlar“ tragen nichts zur Integration bei

Beim Deutschlernen in der Kita sind Migrantenkinder mit Rückstand, wie man kürzlich auf T-Online lesen konnte. Speziell in Berlin sind Kleinkinder mit ausländischer Herkunft im Hintertreffen. Sie besuchen Kindertagesstätten seltener und sind dann auch schon älter.

Wie wirkt sich das aus? Die Folgen zeigen sich nach Auskunft des Berliner Senats später im Vorschul- und Einschulungsalter. Kinder mit ausländischer Herkunft beherrschen die deutsche Sprache entweder gar nicht oder nur fehlerhaft. Zahlen und Fakten: Von den knapp 160.000 Kindern in Berliner Kitas haben etwa ein Drittel mindestens einen Elternteil ausländischer Herkunft. Etwa 30% der Kinder in den Beriner Kitas stammen aus einer Familie, in der seltener Deutsch gesprochen wird. Betrachtet man die Gruppe der Kinder mit einem Alter unter 15 Jahren, so liegt dort der Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Herkunft bei etwa 50 Prozent. Dieser Anteil liegt signifikant über dem Anteil in den Berliner Kitas.

Bundesweit: Fortschritte & Schreckensnachrichten

Wenngleich die „Oyunlar“ der Integration nicht zuträglich sind, gibt es auch positive Nachrichten. Dies ist allerdings den Anstrengungen der Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund geschuldet. Betrachtet man die bundesweite Zahl der Abiturienten, so kann man verzeichnen, dass der dortige Anteil der Schüler mit nicht deutschen Wurzeln kräftig gestiegen ist. Im Jahr 2015 lag der Anteil bei immerhin 17 Prozent, so der Bericht des Integrationsbeauftragten der Bundesregierung in Berlin (Zeitraum von Juni 2014 bis Juli 2016). Noch im Jahr 2011 lag der Anteil bei nur neun Prozent.

Aktuelle OECD-Studie

Eine aktuelle OECD-Studie kommt ebenfalls zum Schluss, dass Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschlands Schulen schlechter abschneiden. Allerdings sieht die OECD die Ursachen und die Verantwortung hierfür nicht nur bei den Familien mit Migrationshintergrund. Die Studie untersuchte, wie Schulen in den 35 Mitgliedsländern der OECD Migrantenkinder im Vorankommen unterstützen. Dabei zeigte sich, dass Deutschland hier eben keinen der vorderen Plätze belegt. Ganz offenbar gibt es hier gegenüber anderen OECD-Mitgliedsstaaten noch Nachholbedarf.

Oyunlar im Berufsleben

Die Unterschiede in den schulischen Erfolgen zeigen sich trotz der positiven Entwicklung vor allem beim Start ins Berufsleben. Wer glaubt, er wird nach seiner Bewerbung zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, wird oft enttäuscht. Nur 47 Prozent der jugendlichen Bewerber mit Migrationshintergrund werden zum Gespräch gebeten, während die Quote bei deutschstämmigen Bewerbern der Altersgruppe bei 59 Prozent liegt. Und auch später liegen Menschen mit Migrationshintergrund im Hintertreffen. Die Arbeitslosenquote liegt bei diesem Segment bei über 14 Prozent, was im Schnitt doppelt so hoch ist, wie bei Arbeitnehmern deutscher Herkunft.

Bedava Oyunlar: Integration beginnt bei Kleinigkeiten

Wer seinen Kindern optimale Chancen im Leben mitgeben möchte, sollte überlegen, ob der regelmäßige Konsum von Online-Games in der Muttersprache wirklich dem analogen Spiel mit Kindern deutscher Herkunft – etwa in einer Kita – vorzuziehen ist. Natürlich ist die Pflege der Muttersprache wichtig für die Entwicklung. Dennoch wäre ein frühes Erlernen der deutschen Sprache vorteilhaft. Und natürlich fördern Spiele in der Familie generell eher das soziale Miteinander wie die „Oyunlar“ auf dem PC und Smartphone.

Wenn hier der Eindruck entstanden sein sollte, dass die intensive Nutzung von Online-Spielen eine alleinige Domäne von Kindern mit Migrationshintergrund ist, dann sollte man dies hier richtig stellen. Die Neigung, Kindern ungehinderten Zugang zu Online-Spielen zu geben, ist auch in deutschstämmigen Familien durchaus verbreitet. Auch in diesen Familien trägt die reduzierte Kommunikation mit den Eltern und Geschwistern nicht zur Sprachbildung bei.


Bildnachweis: © shutterstock – Titelbild Federico Rostagno

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Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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