Sandmännchen der DDR

Sandmännchen der DDR: Die 1959 geschaffene Figur wurde eigentlich zu Propagandazwecken geschaffen, entwickelte sich aber zur echten Kultfigur. Die Puppe erfreut sich aber bis heute großer Beliebtheit in ganz Deutschland.

Sandmännchen der DDR: Ein Kult, der überlebt hat

Bis heute begeistert das Sandmännchen der DDR große und kleine Kinder. Seine Geschichte begann 1959 im Kalten Krieg. Es musste ganz schnell gehen: Nachdem bekannt wurde, dass das West-Sandmännchen Anfang Dezember auf Sendung gehen sollte, zauberten die Macher vom Studio Berlin-Adlershof wie Gerhard Behrendt binnen zwei Wochen die Figur in aufwendiger Stop-Motion-Technik auf den Bildschirm. Inklusive der bekannten Titelmelodie und dem Text „Sandmann, lieber Sandmann“. Der Rest ist Geschichte und noch heute kann diese Figur auf eine große Fanbasis zählen, inzwischen sogar in beiden Teilen Deutschlands.

Der DDR war es wichtig, durch die Erstsendung ihre Überlegenheit gegenüber dem Klassenfeind zu demonstrieren. Im Gegensatz dazu der West-Sandmann: Eine Handpuppe, die in einer Moorlandschaft lebte, ziemlich gruselig wirkte und schnell wieder abgesetzt wurde. Ein neues von Herbert K. Schulz entworfenes West-Sandmännchen etablierte sich in den nächsten Jahren. Es hatte ein wenig das Aussehen eines Seemannes, kam aber nie an die Beliebtheit seines östlichen Pendants heran und wurde im März 1989 abgesetzt.

Video: Sandmännchen West und Ost

Sandmännchen der DDR: Auch eine Propagandafigur für den Sozialismus

Die Figur war von Anfang an bei den Zuschauern populär. Kinder boten ihm sogar einen Schlafplatz an, weil der Sandmann in den ersten Folgen immer auf der Straße einschlief. Dennoch: Ganz so harmlos war das Sandmännchen der DDR nicht. Schon früh wurde es zu Propagandazwecken eingesetzt. An der Figur arbeitete zum Beispiel der frühere Musikchef der Jungen Pioniere mit, ein überzeugter Vertreter des herrschenden Systems.

Der Sandmann wurde deshalb bis zum Ende der Arbeiter- und Bauernrepublik immer auch als Sympathieträger eingesetzt. Das ging mit einem kleinen Trick: Es wurden liebevolle Märchengeschichten mit Szenen aus dem sozialistischen Alltag vermischt. Das Sandmännchen der DDR besuchte zum Beispiel den Palast der Republik in Berlin, es schaute im Pionierlager vorbei oder machte einen Besuch bei den Grenztruppen an der polnischen Grenze.

Der früher unbeliebte Trabant hat wie das Sandmännchen der DDR längst Kultstatus erreicht. (#1)

Der früher unbeliebte Trabant hat wie das Sandmännchen der DDR längst Kultstatus erreicht. (#1)

Der Sandmann in den 70er und 80er Jahren auf Weltreise bei Brudervölkern

Ganz anders als die meisten DDR-Bürger durfte es auch reisen. Natürlich nur zu befreundeten Bruderstaaten, niemals etwa in die USA oder nach Israel. Sogar die nach Unabhängigkeit strebenden afrikanischen Länder hat der Sandmann besucht. Politisch brisant auch der Auftritt in Vietnam 1970 während des Krieges. In den 70er Jahren folgten auch Trips in arabische Länder. Und natürlich bereiste er auch europäische Länder des Warschauer Paktes wie Polen oder Bulgarien.

Ein Highlight: Der Besuch auf dem Roten Platz in Moskau, während der Olympiade 1980, die von 56 Staaten aus Protest gegen den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan boykottiert wurde. Einmal wurde sogar die Erde verlassen und das Sandmännchen der DDR reiste mit dem Lunochod (einem sowjetischen Mondmobil) auf den Mond, den einzigen natürlichen Satellit der Erde. Selbst im Weltall sollte also die Überlegenheit des Sozialismus demonstriert werden. Kein Wunder, dass Siegmund Jähn, 1978 erster Deutscher im All und aus dem Osten, das Sandmännchen der DDR als Puppe mit ins Weltall nahm.

Weitere interessante Fakten zum Sandmännchen der DDR:

  • am 22. November 1959 ging es im DDR-Fernsehen auf Sendung (acht Tage früher als das West-Pendant)
  • seine endgültige Form mit 24 Zentimetern Größe und dem Spitzbart erhielt es 1960
  • Trickfilmer Gerhard Behrendt (1929-2006) entwickelte die Figur nach der Märchenfigur Ole Lukoje (Ole Augenschließer) von Hanns Christian Andersen
  • die Figur ähnelt etwas dem Rumpelstilzchen in einer Verfilmung von 1940
  • der Sandmann im Osten hatte einen Bart, der etwas an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht erinnerte
  • das „Sandmann, lieber Sandmann„-Lied wurde in nur einer Nacht von Musiker Wolfgang Richter komponiert
  • Im Laufe der Jahre war das Sandmännchen mit mehr als 200 Fahrzeugen aller Art unterwegs: Dampfer, Traktoren, Eisenbahnen, Jeep, Mondauto, Solarmobil und einer Taucherglocke
  • Eine Folge spielte 1990 nach der Wende im „Kaufhaus des Westens„, dem Konsumtempel im Westen Berlins
  • Im Jahre 2010 erschien sogar ein eigener Spielfilm mit dem Namen „Das Sandmännchen. Abenteuer im Traumland.

Sandmännchen der DDR: Wie ging es nach der Wende weiter?

Bis zum Ende des zweiten deutschen Staates zeigte das Sandmännchen der DDR in ähnlicher Weise Präsenz. Oft harmlos in Form einer Märchenepisode, aber mitunter auch im Dienste der sozialistischen Propaganda. Gezählt wurden insgesamt etwa 30 Folgen, in denen der Einfluss der Parteiideologen sichtbar wurde. Aber einmal hingegen wurde sogar eine Folge verboten: Es ging um eine Episode mit einem Heißluftballon. Gerade einmal zwei Tage, nachdem eine Familie mit einem Ballon von Thüringen nach Bayern geflohen war.

Auch nach der politischen Revolution wurde er im Unterschied zu vielen anderen DDR-Erfindungen nicht abgewickelt. Erst bei einer Umstrukturierung ostdeutscher Sender 1991 sollte es abgeschafft werden. Es blieb beim Versuch. Das verhinderten zahllose Briefeschreiber (Internet gab es noch nicht) mit Protestnoten an die Verantwortlichen. Als der „Deutsche Fernsehfunk“ zum 31. Dezember 1991 den Betrieb einstellte, behielten die Zuschauer im MDR und ORB (heute RBB) ihren gewohnten Sandmann, der wie jeden Abend die Kinder ins Bett gebracht hat.

Zum Erbe der DDR gehören Mauer und Stacheldraht, aber auch Alltagsdinge wie das populäre Ost-Ampelmännchen, das inzwischen auch im Westen Berlins im Einsatz ist. (#2)

Zum Erbe der DDR gehören Mauer und Stacheldraht, aber auch Alltagsdinge wie das populäre Ost-Ampelmännchen, das inzwischen auch im Westen Berlins im Einsatz ist. (#2)

Sandmännchen der DDR: Das Erbe der Figur im Jahre 2018

Heute wird der Sandmann im modernen Format 16:9 vom MDR, NDR, RBB und dem Kinderkanal ausgestrahlt. Federführung hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg, neue Folgen vom Sandmann werden inzwischen in Potsdam-Babelsberg hergestellt. Natürlich in neuester Computeranimation und nicht mehr als Puppentrickfilme. In einer großen Ausstellung im Filmmuseum Potsdam können Freunde eine große Ausstellung zum Sandmännchen der DDR besuchen. Die Kultfigur geht, wenig überraschend, mit der Zeit und so gibt es bereits eine eigene Gute Nacht App „Sandmännchens Traumreise“.

Man kann inzwischen sagen, dass sich das Sandmännchen der DDR mit seinem berühmten Spitzbart zu einem gesamtdeutschen Phänomen gemausert hat. In früheren Zeiten war es sicher so, dass jeder Fan „seine“ Figur hatte, je nachdem aus welchem Teil Deutschlands er stammte. Heute, wo in punkto Sandmann der Osten quasi „gewonnen“ hat, gibt es für viele kleine Kinder natürlich nur noch das eine Sandmännchen. Und auch wenn er zu DDR-Zeiten manchmal im Dienste der Propaganda unterwegs war, so bleibt er doch für zahlreiche Bürger des östlichen Teil Deutschlands eine liebevolle Erinnerung an die eigene Kindheit und immer noch ein Ritual für jetzige Kinder, dass es Zeit wird, ins Bett zu gehen.  Das Sandmännchen der DDR hat also den eigenen Staat überlebt. Genauso wie einige andere Objekte, welche die DDR überlebt haben (zum Beispiel das Ampelmännchen) oder die immer noch Kult-Charakter besitzen wie der schon zu Filmehren gekommene Trabant.

Die Story hinter dem Sandmann

Es handelt sich um eine in der europäischen Mythologie angesiedelte Sagengestalt. Der Sandmann besucht nach dieser Überlieferung abends die Kinder und streut ihnen Sand in die Augen, der den Schlaf herbeiführen soll. Diesen „Schlafsand“ reibt man sich dann morgens aus den Augen. E.T.A. Hofmann schuf hingegen in seiner Novelle „Der Sandmann“ eine traditionelle Kinderschreckfigur, die Angst verbreitet. Auch das Märchen Ole Lukoje von Hanns Christian Andersen beschäftigt sich mit der Figur des Sandmanns.

Er gibt den Kindern gute oder schlechte Träume. Je nachdem, wie sich den Tag über verhalten haben. Der Sandmann war in früheren Jahrhunderten also nicht unbedingt ein Freund der Kinder. Das passierte erst, als er in den beiden deutschen Staaten als freundliche Figur gezeichnet wurde, der den Kleinen einfach nur einen guten Schlaf bescheren soll.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Sergey Kohl -#1: Radoslaw Maciejewski -#2: Svetlana Turchenick

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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